Interview,  Plauderecke

Pflegekind – Unser Weg zum Wunschkind

Mein Elterninterview zum Thema Pflegekind

Meine eigene Kinderwunschzeit liegt hinter mir. Heute bin ich Mama von zwei wunderbaren Kindern. Jede Kinderwunschfamilie hat ihre eigene Geschichte, und während sich für die einen der Traum vom eigenen Kind nach vielen Jahren doch noch erfüllt, so gibt es auch die Kinderwunschpaare, die alternative Wege gehen müssen, um ihrem Wunschkind zu begegnen. So wie bei Sarah. In Form eines Interview haben Sarah und ich gemeinsam ihre Geschichte „Unser Weg zum Wunschkind“ festgehalten.

Liebe Sarah, ich freue mich, dass ich heute mit dir dieses Interview führen darf. Stelle dich bitte kurz einmal vor. Wie alt bist du und woher kommst du?

Hi Nadja, ich bin gerne dazu bereit, um vielleicht anderen auch die Scheu vor dem Thema „Pflegekinder“ zu nehmen. Also mein Name ist Sarah, ich bin 33 Jahre alt und lebe mit meinem Ehemann und unseren 3 Pflegekindern an der Nordsee in  Schleswig-Holstein.

Sarah, wir haben uns über Facebook kennengelernt und du hast mir ein paar wertvolle Reisetipps mit auf den Weg gegeben, und dabei von deinen Pflegekindern erzählt. Bei unserer Unterhaltung stellte sich hierbei heraus, dass wir eine große Gemeinsamkeit haben. Eine lange Kinderwunschzeit.     Magst du mir ein wenig aus deiner Zeit erzählen?

Ja gerne, ich habe meinen Mann mit 22 Jahren geheiratet. Nach 1 Jahr unserer Ehe war der Kinderwunsch da, der sich leider nicht über die 2 folgenden Jahre erfüllte. Leider mussten mir nach einigen Untersuchungen die Eileiter entfernt werden. Mein Mann und ich standen der künstlichen Befruchtung positiv gegenüber, weil alles andere stimmte (Eier, Samen etc.). Umso größer waren dann die Enttäuschungen, dass es nicht geklappt hatte. Ich bin mir sicher, dass es irgendwann sehr wahrscheinlich auch funktioniert hätte, aber ich konnte nicht mehr mit den Enttäuschungen umgehen.

Dein Kinderwunsch hat sich dann letztlich doch erfüllt, wenn auch anders wie ursprünglich geplant und erhofft. Du bist jetzt Pflegemutter…ich sage einfach mal Mama :-). Kannst du mir erzählen, was der Auslöser für dich und deinen Mann war Pflegeeltern zu werden? Wäre auch Adoption für euch eine Option gewesen?

Vor mehreren Jahren haben wir uns schon einmal beim Jugendamt über Adoption oder auch Pflegekinder informiert, aber wir konnten uns das mit dem „fremdem“ Kind einfach nicht vorstellen. Wir haben mit unserem unerfüllten Kinderwunsch abgeschlossen und unser Leben wieder genossen (mit der Familie, mit Freunden, durchs Reisen oder auch einfach nur zu zweit im eigenem Heim).

Vor 4 Jahren bekamen wir neue Nachbarn, die sehr schnell in unserer guten Nachbarschaft Anschluss gefunden haben. Kurz darauf bekamen sie ihren ersten Pflegesohn und wir haben das folgende Jahr beobachten können wie schön sie zu einer Familie zusammen gewachsen sind.  Das live zu sehen und mit zu erleben war für uns der Auslöser umzudenken und den Schritt zu wagen.

Welche Voraussetzungen muss man als Paar mitbringen, um Pflegeeltern zu werden und wie muss ich mir das ganze Verfahren vorstellen? Wie ist also der Ablauf, an wen muss ich mich wenden, und weißt du ob das Pflegeverfahren von Bundesland zu Bundesland immer gleich ist, oder ob es hier Besonderheiten gibt?

Als Pflegeeltern wird man zu Mama und Papa des Pflegekindes, man darf nicht vergessen, dass das Pflegekind somit zwei Mamas und Papas hat. Es ist sehr wichtig, das man sich vorher schon darauf einstellt und einem klar ist, dass die leiblichen Eltern wichtig für das Pflegekind sind. Ich persönlich habe damit auch überhaupt keine Probleme, ich habe durch meine Pflegekinder so viel Schönes gewonnen.

Wir waren zu einem zweitem Erstgespräch beim Jugendamt, um uns über das Thema Pflegeltern noch einmal zu informieren. Daraufhin wurden wir zu einem Seminar eingeladen, das alle Pflegeeltern machen müssen, um Pflegekinder aufzunehmen. Das Seminar selber ging über 2 Wochenenden. In diesem Seminar erfuhren wir viel über die Rechte und Pflichten von Pflegeeltern, redeten über unsere Beweggründe und hörten erfahrenden Pflegeeltern zu. Das Seminar kostete kein Geld und war auch nicht verbindlich, eigentlich half es uns sogar noch einmal darüber nach zudenken, ob wir das alles wirklich wollen. Nach dem Seminar mussten wir dem Jugendamt ein Führungs- und Gesundheitszeugnis vorlegen.

Die Mitarbeiterin vom Jugendamt meldete sich für einen Nachmittag an, um sich die Gegebenheiten in unserem Haus anzuschauen. Was sehr nett und zwanglos ablief, sie bat uns freundlich um Einsicht in unsere Gehaltsabrechnungen, um sicher zu stellen das wir kein Arbeitslosengeld beziehen. Die Mitarbeiterin hat uns gefragt was wir uns „wünschen“ würden, also z.B. Geschlecht und Alter oder ob wir auch ein behindertes Kind aufnehmen würden. Das Geschlecht war uns egal, wir hatten den Wunsch ein Kind bis zu 1 Jahr alt bei uns aufzunehmen und baten darum uns nicht für behinderte Kinder anzufragen.

Bei uns ging es sehr schnell :

– Oktober: Erstgespräch

– November: Seminar

– Dezember: Erstanfrage für ein Pflegekind , Kurzzeitpflege, lehnten wir aber ab

– Januar: 1. Pflegekind

Die Verfahren sind nicht von Bundesland zu Bundesland, sondern von Jugendamt zu Jugendamt unterschiedlich. Das Seminar findet bei den meisten, wie mittlerweile auch bei uns, ein Jahr lang, jede 2te Woche einen Tag, statt. Man sollte sich an das Jugendamt in seinem Landkreis wenden, allerdings kann man sich auch an ein anderes wenden.

Sarah du hast mir erzählt, dass Du Mama von mehreren Pflegekindern bist. Magst du mir ein wenig von deinen Pflegekindern erzählen. Wie schnell kamen sie zu dir und in welchem Alter? Dabei stellt sich mir auch die Frage, wie lange du schon Pflegemama bist und wie fühlt es sich an?

Ich fühle mich nicht nur so, sondern ich bin auch die Mama von allen dreien Mäusels ☺

Der Älteste kam mit 1 Jahr zu uns und ist vor kurzem 3 Jahre alt geworden. Im März letzten Jahres bekamen wir ein 4 Monate altes Mädchen und im September kam der 5 Monate alte leibliche Bruder des großen noch dazu. Somit bin ich jetzt seit 2 Jahren Pflegemama und genieße jede Sekunde davon. Die beiden Jungs sind zur dauerhaften Pflege bei uns und die kleine Prinzessin soll demnächst in den leiblichen Elternhaushalt zurückgeführt werden. Das Pflegekinder zurückgeführt werden, ist sehr selten, da es schon starke Gründe geben muss, um sie überhaupt aus der Obhut der leiblichen Eltern heraus zu nehmen. Ich weiß, dass die leiblichen Eltern unserer Pflegetochter alles versuchen und alles machen, damit sie Ihre Tochter wieder bei sich aufnehmen können. Und wenn die Umstände zuhause wieder alle stimmen, dann ist es für sie ja auch gut wieder bei ihren leiblichen Eltern aufzuwachsen. Nun war ich bei ihr aber auch von Anfang an darauf eingestellt.

Gibt es eine zeitliche Begrenzung, wie lange ein Pflegekind bei dir bleiben darf und welche Rechten und Pflichten hast du als Pflegemutter? Besteht Kontakt zu den leiblichen Eltern?

Als Pflegeeltern weiß man anfangs nie wie lange das Pflegekind bleiben wird. Man kann es für sich einschätzen, wenn man die Gründe der Herausnahme erfährt. Wir führen ein ganz normales Leben wie andere Familien auch, allerdings gibt es einige Dinge die dann doch anders sind 😉  Wir als Pflegeeltern haben kein Sorgerecht, somit brauchen wir z.B. eine Einverständniserklärung für Impfungen. Auch Auslandsreisen müssen wir dem Jugendamt vorher anmelden. Den Vertrag für die Kita mussten auch die leiblichen Eltern, als Sorgeberichtigte, unterschreiben. Ich binde die Eltern gerne dabei mit ein, die leiblichen Eltern freuen sich darüber und fühlen sich wichtig für ihr Kind.

Es gibt für jedes Kind jedes Jahr ein Hilfeplangespräch beim Jugendamt. Bei diesem Termin wird über das Kind, über die Umgangszeiten und die Ziele der leiblichen Eltern gesprochen. Umgangszeiten bei Pflegekindern sind sehr unterschiedlich. Oft findet ein Umgang nur alle 14 Tage statt. Bei unserer kleinen finden mehrere Umgänge die Woche statt, damit die starke Bindung zu den leiblichen Eltern bestehen bleibt. Als Ansprechpartner steht uns eine Mitarbeiterin des Jugendamtes immer zur Verfügung, wenn wir Fragen haben oder auch wenn wir unsere Sorgen und Ängste loswerden möchten. Außerdem bekommen wir, für uns aber nicht der Grund Pflegeeltern zu werden, finanzielle Unterstützung .

Für jedes Pflegekind bekommen wir 745 € Pflegegeld. Auch bei der Erstausstattung eines Pflegekindes bekommt man bis 1500 € Beihilfe (Mobiliar, Kleidung, Kinderwagen, Autositz etc.). Ebenfalls wird der Kindergartenplatz auch durch das Jugendamt übernommen. Der positive Nebeneffekt dadurch ist, das ich die Elternzeit die mir für jedes Kind zusteht voll ausnutzen kann und bei den Kindern bleiben kann und nicht nach einem Jahr wieder arbeiten gehen muss.

Welche Eigenschaften sollte man deiner Meinung nach als Paar mitbringen, wenn man ein Pflegekind aufnehmen möchte, und mit welchen Hürden oder Schwierigkeiten muss man ggfls. als Pflegeeltern rechnen, die viel emotionale Stärke erfordern?

Viel Verständnis und Liebe. Und vor allem sollte man sich nie ein Urteil über die leiblichen Eltern bilden. Pflegekinder werden in ihrer Pflegefamilie genauso groß wie Kinder in ihrer eigenen Familie. Der einzige Unterschied ist, dass die Pflegekinder mehr Termine haben, wie z.B. die Umgänge und das man nicht alles alleine entscheiden kann. Natürlich ist das Schlimmste was passieren kann für Pflegeeltern, dass ein Pflegekind zurückgeführt wird. Uns war wichtig, dass unser erstes Pflegekind in dauerhafter Pflege bleibt und unsere Ansprechsperson beim Jugendamt hat uns fallabhängig bei unserem ersten Pflegesohn angefragt. Nachdem wir einschätzen konnten das er bleibt, waren wir auch dazu bereit ein Pflegekind auf Zeit aufzunehmen.

Das wichtigste für das Pflegekind ist es, die leiblichen Eltern als seine voll zu akzeptieren. Man sollte sich immer selber vorstellen in einer Pflegefamilie groß geworden zu sein und egal was deine leiblichen Eltern gemacht hätten, sie wären immer noch deine Eltern und wichtig ☺

Liebe Sarah, du bist so ausführlich auf meine Fragen eingegangen und hast dir dafür Zeit genommen. Fällt dir vielleicht noch etwas ein, was ich dich hätte fragen können?

Bei deiner Frage mit dem Verfahren bin ich nur auf den Ablauf eingegangen bevor man das Kind bekommt.  Bei einer Anfrage vom Jugendamt für ein Pflegekind läuft es immer unterschiedlich ab und ist aber auch zugleich das Aufregendste. Wenn der Anruf vom Jugendamt kommt, wird man gefragt, ob man sofort oder in den nächsten 2 Tagen ein Kind aufnimmt. Das einzige was man als erstes erfährt, ist das Geschlecht und das Alter, und manchmal erfährt man auch was über die Hintergründe, aber manchmal auch nicht. Dieser Moment ist super aufregend, denn nun muss schnell gehandelt werden. Besorgungen müssen erledigt werden, für ein Pflegekind haben wir tatsächlich alles an einem Tag besorgen können und damit  meine ich all das wofür frisch gebackene Eltern 9 Monate Zeit hatten. Bei den Übergaben waren wir auch immer sehr aufgeregt und haben uns auf den Zuwachs unserer Familie gefreut.

Ich danke dir für dieses schöne Interview und freue mich an dieser Stelle sehr, dass du und dein Mann mit euren Pflegekindern zu einer wunderbaren Kinderwunschfamilie herangewachsen seid.

Danke, ich habe das gern getan und  falls Leser spezielle Fragen haben, so dürfen sich diese gerne per Mail an mich wenden Naline42@googlemail.com.

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